Für viele Unternehmen im Etiketten- und Verpackungsdruck ist Cybersicherheit noch immer ein IT-Thema – etwas, das von Spezialisten betreut wird und weit vom täglichen Produktionsbetrieb entfernt ist.
Diese Sichtweise ist überholt.
Cybersicherheit hat heute direkte Auswirkungen auf die Betriebskontinuität, die finanzielle Stabilität und das Vertrauen der Kunden. Branchenleitlinien, darunter das FEFCO-Handbuch zur Cybersicherheit, zeigen deutlich, dass Cybervorfälle Lieferketten unterbrechen, die Produktion verzögern und langfristige Kundenbeziehungen schädigen können.
In zunehmend vernetzten Produktionsumgebungen reichen diese Risiken über die Bürosysteme hinaus bis auf die Produktionsfläche und in den Farbraum.
Die verborgenen Risiken in der Produktion
Druckbetriebe sind in hohem Maße auf Operational Technology (OT) angewiesen – von Druckmaschinen und Weiterverarbeitungsanlagen bis hin zu Farbdosier- und Formulierungssystemen. Diese Systeme gewährleisten Effizienz, Wiederholgenauigkeit und Qualität. Seit den 1990er-Jahren haben die Schwachstellen jedoch schrittweise zugenommen. Gründe dafür sind die Einführung standardisierter Betriebssystemsoftware und die Anbindung von Maschinen an Unternehmensnetzwerke.
Mit neuen digitalen Möglichkeiten entstehen zusätzliche Schnittstellen, die abgesichert werden müssen.
Ein Cybervorfall kann:
- die Farbversorgung und Dosierprozesse unterbrechen
- die Farbkonsistenz und Druckqualität beeinträchtigen
- Produktion und Lieferungen verzögern
- kostspielige Stillstandszeiten verursachen
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass viele OT-Systeme Anlagen mit einer langen Lebensdauer sind, die häufig nur begrenzt aktualisiert werden. Dadurch steigt ihre Anfälligkeit für Cyberrisiken.
Der vernetzte Farbraum: der oft übersehene IT-OT-Zugangspunkt

Ein moderner Farbraum ist nicht mehr nur ein Bereich, in dem Druckfarben gelagert und dosiert werden. Er ist eine datengesteuerte Produktionsumgebung, in der Dosiersysteme, Wiegeeinrichtungen, Steuerungs-PCs, Software und Produktionsdaten zusammenarbeiten.
ERP-, MIS- oder MES-Systeme können Auftragsinformationen direkt an den Farbraum übermitteln. Druckfarbenmanagementsoftware kann benötigte Mengen berechnen, Restfarben verwalten, Chargeninformationen erfassen sowie Berichterstattung und Rückverfolgbarkeit unterstützen.
Damit befindet sich der Farbraum an der Schnittstelle zwischen Information Technology und Operational Technology.
Aus IT-Sicht kann das System Planungs-, Rezeptur- und Produktionsdaten mit ERP-, MIS-, MES-, Farbformulierungs- oder cloudbasierten Plattformen austauschen.
Aus OT-Sicht steuert dieselbe Umgebung physische Prozesse wie Dosieren, Mischen, Wiegen und Farbvorbereitung.
Diese Kombination macht den Farbraum zu einem kritischen, aber manchmal übersehenen Zugangspunkt für Cyberangriffe. Ein erfolgreicher Angriff kann nicht nur Geschäftsdaten beeinträchtigen, sondern auch die Produktionskontinuität, Produktqualität und betriebliche Effizienz.
Wo Schwachstellen entstehen können
Typische Risiken sind veraltete Betriebssysteme, nicht mehr unterstützte Software, unzureichendes Patchmanagement, schwache Benutzerkontrollen und eine unzureichende Netzwerktrennung zwischen Büro- und Produktionssystemen.
Auch Verbindungen zu Produktionsplanungssystemen, Cloud-Diensten, Lieferantenplattformen und Fernwartungstools müssen sorgfältig verwaltet werden. Diese Verbindungen können notwendig sein, müssen jedoch kontrolliert, dokumentiert und den zuständigen Verantwortlichen zugeordnet werden.
WLAN kann eine zusätzliche Gefährdung verursachen, wenn es ohne geeignete Konfiguration und Überwachung eingesetzt wird. Gleiches gilt für den Fernzugriff, wenn Authentifizierung, Berechtigungen und Protokollierung unzureichend sind.
Nicht die Vernetzung selbst ist das Problem. Vernetzte Systeme bieten eindeutige betriebliche Vorteile. Das Risiko entsteht durch unkontrollierte Vernetzung.
Cybersicherheit als Verantwortung der Produktion
Der Schutz des Farbraums sollte daher Teil der übergeordneten Strategie eines Druckunternehmens zur Sicherstellung der Produktionskontinuität sein. Dies beginnt mit dem Verständnis, wie Daten in das System gelangen und es verlassen, welche Verbindungen erforderlich sind, wer Zugriff hat und wie die Produktion nach einem Vorfall wiederhergestellt werden kann.
Cybersicherheit bedeutet nicht, jede Maschine zu isolieren oder auf Digitalisierung zu verzichten. Erforderlich ist ein kontrollierter Ansatz, der Sicherheit, Unterstützungsniveau und Produktionsanforderungen miteinander in Einklang bringt.
Im zweiten Teil dieser Serie untersuchen wir die praktischen Maßnahmen, mit denen Druckereien und Weiterverarbeitungsunternehmen vernetzte Systeme im Farbraum schützen können. Dazu gehören Netzwerksegmentierung, sicherer Fernzugriff, Benutzerberechtigungen, Überwachung, Back-ups, Endpoint-Schutz und Lebenszyklusmanagement.
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